BUCHTIPP 01
Das Literarische Quartett hat sich längst in alle Winde zerstreut, Elke Heidenreichs Lesen! ist zu einem 4minütigen wöchentlichen Geplänkel verkommen, und auch die neue Literatursendung des ZDF Die Vorleser scheint nach der ersten Folge noch keine wahren Blockbuster-Qualtiäten entwickelt zu haben.
Also wird der tutschek hier in unregelmäßiger Folge das eine oder andere Büchlein präsentieren. Nicht unbedingt und ausschließlich Neuerscheinungen, aber Literatur, die hoffentlich interessieren, Widerspruch hervorrufen oder leidenschaftliche Zustimmung bewirken wird.
Tipps und Lesevorschläge aus des tutscheks Bücherregal (das immer überquillt, obwohl die Bücher großteils bereits zweireihig angeordnet sind...)
Als erster Lesevorschlag soll hier gleich mal eine ganze Reihe angeführt werden - Autobiographische Schriften von Thomas Bernhard.
Thomas Bernhard polarisiert, man kann ihn lieben oder hassen. Aber auch alle Bernhard-Hasser sollten durchaus einen Blick in diese schöne 5bändige Reihe des Residenzverlags werfen.
Sehr anrührend schildert Bernhard in den verschiedenen Abschnitten der Autobiografie (Die Ursache - Der Keller - Der Atem - Die Kälte - Ein Kind) seine Kindheit und Jugendjahre.
Die Schule, die Zeit als Zögling im Internat, der geliebte Großvater, die Tage in der Lungenheilanstalt - wichtige Ereignisse, die Thomas Bernhard in der ihm ureigenen Sprache lebendig werden lässt.
Zugegeben: wer Thomas Bernhards Sprache, die nach seinem Tod im Jahre 1989 so viele Epigonen gefunden hat, für maniriert hält, wird sich auch auf die Autobiografie nicht einlassen wollen.
Ein Fehler, denn in den fünf schmale Bänden finden sich großartige Details, kurze Szenen, die das Leben in damaliger Zeit ( Thomas Bernhard wurde 1931 geboren) dem heutigen Leser sehr plastisch vor Augen führen.
Als Beispiel ein kurzes Zitat aus dem Band Ein Kind, in dem Bernhard über viele Begebenheiten aus seiner Schulzeit berichtet:
In der Ecke des Schulzimmers stand ein riesiger Kachelofen, der mit den Holzscheitern geheizt wurde, die von den Schülern in der Frühe von zuhause in die Schule mitgebracht wurden. Jeder hatte unter dem Deckel seiner Schultasche ein Holzscheit eingeklemmt. Die Reichen hatten große, die Armen hatten kleine Holzscheiter mitgebracht.
Fazit:
Für Freunde Thomas Bernhards die Chance alle Bände der Autobiografie in schöner Schmuckausgabe ins Regal stellen zu können.
Für LeserInnen, denen Bernhard in ihrer LeserInnenkarriere bislang noch nicht untergekommen ist, eine hervorragende Gelegenheit, sich erstmals in den Kosmos des österreichischen Schriftstellers vorzuwagen.
Für Bernhard-Gegner eine exzellente Möglichkeit, etwaige Vorurteile revidieren zu können.
Quellenangabe:
Porträt Thomas Bernhard: Erika Schmied
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